Krone Gesund Experteninterview mit Dr. Nadja Jiresch
Krone Gesund Experteninterview mit Dr. Nadja Jiresch
Rückenschmerzen gelten als Volksleiden. Was hinter den Beschwerden steckt und warum nicht immer eine Operation notwendig ist, lesen Sie in dieser Ausgabe der Gesund-Serie. © von Sonja Jakubowics - Krone Bunt Gesundheitsserie - Teil 14 - Unsere tragende Säule: Rücken - 13.09.2026
Es passiert rasch und mit Wucht
Beim Aufstehen durchfährt ein stechender Schmerz den Rücken, so intensiv, dass einem die Tränen in die Augen steigen. „Bei einem Bandscheibenvorfall kann der Faserring, der das Innere der Bandscheibe umschließt, im Bruchteil einer Sekunde einreißen. Meist kündigt sich das nicht an. Der Schmerz kann plötzlich und heftig in den Rücken schießen“, erklärt Dr. Nadja Jiresch, Orthopädin aus Wien. „Drückt die Bandscheibe auf eine Nervenwurzel, kann der Schmerz bis ins Bein der in den Fuß ziehen. Bei starkem Druck können auch Taubheitsgefühle oder eine einseitige Beinschwäche auftreten.“
Rückenschmerzen sind zur Volkskrankheit geworden
Entscheidend für die Diagnose ist dabei, wohin der Schmerz ausstrahlt: „Anhand des Schmerzverlaufs können wir bereits erkennen, welche Nervenwurzel betroffen ist.“
Beschwerden mit dem Kreuz sind eine Volkskrankheit: Die meisten Krankenstände und Frühpensionierungen sind auf Rückenprobleme zurückzuführen.
Das Risiko, einmal im Leben daran zu erkranken liegt bei 80%. Die häufigsten Ursachen: Stress und Bewegungsmangel.
In den meisten Fällen keine Operation notwendig
Der Glaube an die Notwendigkeit einer Operation hält sich weiterhin hartnäckig. Die Ärztin sieht das allerdings differenzierter. „Man fängt bei einem sehr schmerzhaften Bandscheibenvorfall, der keine OP-Indikation darstellt, mit Schmerzreduktion sowie abschwellenden Maßnahmen an“.
Auch bei anderen Wirbelsäulenproblemen versucht man zunächst, konservativ zu behandeln: „Aus ärztlicher Sicht können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit unsere Patienten vom OP-Tisch fernhalten.“ Operiert werde bei Lähmung oder „wenn der Behandlungserfolg nicht länger als 2-6 Monate hält“.
Doch Rückenschmerz ist nicht gleich Rückenschmerz. Nicht immer ist eine Bandscheibe der Auslöser. Muskulär bedingte Beschwerden lassen sich meist gut in den Griff bekommen und klingen häufig rascher wieder ab.
Entscheiden dabei: Eine stabile Wirbelsäule braucht eine kräftige Muskulatur, insbesondere dort, wo man sie nicht auf den ersten Blick sieht. „Eine ganz wesentliche Funktion spielen die tiefen Muskeln des unteren Rückens“, so die Fachärztin.
Bereits junge Menschen haben Rückenbeschwerden
Unser Körper ist auf Bewegung ausgerichtet, doch die meiste Zeit verbringen wir sitzend, in passiver Haltung. Deshalb ist es wichtig, auch im Alltag für ausreichend und abwechslungsreiche Bewegung zu sorgen: Regelmäßige Pausen zum Aufstehen und Dehnen sowie eine gute Sitzhaltung vor dem Bildschirm können schon viel bewirken.
Bereits immer mehr junge Menschen kämpfen mit Fehlhaltungen und Verspannungen. Ein Rundrücken ist bei Jugendlichen längst keine Seltenheit mehr. Aber auch im Alter verändert sich die Wirbelsäule: Bandscheiben verlieren an Wasser, Gelenke können sich abnutzen, und Strukturen werden weniger elastisch.
Nicht jede dieser Veränderungen verursacht sofort Schmerzen: „Ein Befund auf dem Röntgenbild oder MRT bedeutet nicht automatisch, dass er die Ursache der Beschwerden ist“, so die Expertin. „Praktisch geht es darum, wie die Probleme aussehen und wie sehr sie den Alltag belasten. Dann schaut man, woher das kommt. Danach richtet sich die Therapie“.
Deshalb ist die Bildgebung nur ein Teil der Diagnose. Ebenso wichtig ist, was der Betroffene tatsächlich beschreibt. Viele Patienten klammern sich an die Befunde ihrer CT- und MRT-Aufnahmen, in der Hoffnung dadurch eine rasche Erklärung zu finden. Den Schmerz auf den Bildern sichtbar zu machen, ist jedoch nicht immer möglich.
Umgekehrt gilt: Ist auf einer Aufnahme eine degenerierte Wirbelsäule zu sehen, heißt das nicht automatisch, dass sie auch wehtut. Jiresch: „Um herauszufinden, was hinter den Beschwerden steckt, brauchen wir vor allem die Geschichte des Patienten: Wo sitzt der Schmerz, strahlt er aus, gibt es Taubheitsgefühle oder eine Schwäche? Daraus können wir bereits wichtige Hinweise gewinnen“.
Die meisten Kreuzbeschwerden sind unspezifisch und haben also keine konkrete gefährliche Ursache. Knochen, Muskeln, Gelenke und Gene beeinflussen Kreuzschmerzen ebenso wie Gedanken, Emotionen, Stress und Lebensumstände. Und manchmal schmerzt der Rücken, obwohl auf den Bildern nichts Auffälliges zu sehen ist. Das macht den Schmerz jedoch nicht weniger real. Nicht umsonst sprechen wir davon, eine schwere „Last auf den Schultern“ zu tragen. Unter Stress schaltet der Körper auf Alarm, die Muskeln spannen sich an, besonders im Rücken und Nacken.
Wenn sich die Psyche auf den Rücken schlägt
Dr. Jiresch „Kaum ein anderer Körperteil reagiert so sensibel auf die Psyche wie der Rücken. Wenn alle Bilder unauffällig sind und der Verdacht besteht, es könnte psychosomatisch sein, heißt das nicht, dass man sich den Schmerz einbildet. Nein! Die Wirbelsäule ist die Säule unseres Lebens. Unsere Stütze! Und damit ein Psychoorgan schlechthin“.
Wie eng Rückgrat und Psyche tatsächlich miteinander verbunden sind, zeigt sich besonders bei chronischen Beschwerden: Beschwerden können nicht nur den Körper belasten, sondern auch das seelische Wohlbefinden beeinträchtigen — bis hin zu depressiven Verstimmungen. Das führt viele Betroffene in eine Abwärtsspirale: Sie ziehen sich zurück, nehmen eine Schonhaltung ein und vermeiden Bewegung und Sport.
Der Rücken macht deutlich, wie wichtig es ist, auf sich Acht zu geben, ausreichend Bewegung in den Alltag einzubauen und Strategien zu finden, um mit Stress und Belastungen besser umzugehen.
Wie der Rücken rasch wieder fit wird
- Stress-Vermeidung: Meditation, Atemübungen wirken muskelentspannend.
- Plank auf den Knien trainieren: Der Unterarmstütz beansprucht die gesamte Rumpfmuskulatur. Die auf dem Boden abgelegten Knie reduzieren bei bereits bestehenden Rückenproblemen die Belastung.
- Richtige Bewegung statt Schonung: Bei Bandscheibenbeschwerden sind hubarme Übungen im Sitz, in der Seiten- oder Rückenlage, bei denen das Becken leicht nach vorne und hinten bewegt wird, sehr sinnvoll.
- Schrittweise trainieren: Förderlich für den Heilungsprozess sind Bewegungen in sämtliche Richtungen. Wichtig: Langsam und mit wenig Druck und wenig Hebel bewegen.
- Im Alltag: Immer wieder die Haltung ändern, aufstehen und gehen. Beckenkippbewegungen einbauen. Das fördert die Beweglichkeit und kann Verpannungen lindern.
- Richtig heben: Lasten möglichst nah am Körper halten, aus den Beinen heben und ruckartige Bewegungen vermeiden.
- Bei Beschwerden vermeiden: Übungen, die Druck im Bauchraum verursachen, wie z. B. Situps sowie jene, die lange Hebel erfordern.
Tipps bei akuten Kreuzschmerzen
- Beschwerden genau beschreiben: Wo sitzt er? Strahlt er ins Bein oder bis in Fuß oder Zehe aus? Präzise Angaben können Hinweise auf die betroffene Nervenwurzel geben.
- Bandscheibenvorfall einordnen: Schmerzen, Taubheit oder Muskelschwäche können entstehen, wenn Bandscheibengewebe einen Nerv reizt oder unter Druck setzt.
- Nicht immer eine OP notwendig: Bei Bandscheibenvorfall muss man nicht automatisch unters Messer. Entscheidend sind Beschwerden, neurologische Ausfälle und der Leidensdruck. Viele Beschwerden bessern sich mit der Zeit.
- Akute Schmerzen erst beruhigen: Medikamente, Physiotherapie oder andere Maßnahmen können helfen. Danach die Bewegung und Belastung langsam steigern.
- Warnzeichen erkennen: Neue Lähmungen oder der Verlust der Kontrolle über Blase bzw. Darm sind Notfälle und müssen sofort unbedingt ärztlich abgeklärt werden.
- Geduld bewahren: Rückenbeschwerden brauchen unterschiedlich lange zur Heilung. Wird es nicht besser, sollte die Behandlung. Ein schrittweiser Rückkehr zur Bewegung unterstützt den Genesungsverlauf.
"Die Wirbelsäule stabilisiert den Körper und hält uns aufrecht"
Dr. Nadja Jiresch, ist Spezialistin für die Wirbelsäule, bei Rückenbeschwerden und Skoliose.
Weitere Informationen:
➯ urbanspine.at/wirbelsäule-therapie
Über OÄ Dr. Nadja Jiresch:
➯ urbanspine.at/dr-nadja-jiresch steht Ihnen als langjährig erfahrene Fachärztin für Orthopädie und orthopädischer Chirurgie, Wirbelsäulen-Spezialistin und Skoliose-Expertin gerne zur Verfügung.
Terminvereinbarung:
➯ urbanspine.at/online-terminvereinbarung




















